Kilimandscharo

Die Ruhe vor dem Sturm

Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Nicht mehr lange und es geht los. Werde ich es schaffen?

Es ist eiskalt und neben mir gibt es tatsächlich Leute, die schlafen können. Nicht schlecht für die Höhe, auf der wir uns befinden; die Kibo Hütte liegt immerhin auf 4’720 Metern über Meer. Müde bin ich zwar auch, jedoch hält mich die Anspannung wach. Bald schlägt die Stunde der Wahrheit. Ganz oben auf 5’895 Metern wartet der Gipfel, der Uhuru Peak…

Motivation

Aber starten wir von vorne und beginnen mit ein paar Worten zum Thema Motivation. Was treibt einem dazu, den höchsten Berg von Afrika zu besteigen? Bei mir war es eine Kombination aus Abenteuerlust, dem Reiz des Unbekannten, sowie dem Testen der eigenen Grenzen. Wie weit und vor allem wie hoch kann ich gehen? In der Schweiz ist bei 3’500 Metern bald mal Schluss mit Wanderbergen und wenn man höher hinaus will, muss man sich im Ausland umsehen. Der Kilimandscharo bietet sich regelrecht an, wenn man das nächste Level ausprobieren will. Er gilt als beliebter Trekking-Berg und als einfacher fast «6000er» (wenn man auf diesen Höhen von «einfach» sprechen will). Das hängt vor allem damit zusammen, dass es quasi eine lange, mehrtägige Wanderung ist, ohne jegliche Kletterpassagen. Technisch bietet der Kilimandscharo keine Schwierigkeiten, es ist eher eine Art Ausdauertest. Ebenfalls motivierend ist natürlich das ganze Erlebnis in Tansania. Ein Land, welches sonst vielleicht nicht unbedingt ganz oben auf der Reiseliste stehen würde, wobei es doch viele tolle Sachen zu bieten hat. Nach der Kilimandscharo Besteigung kann man nämlich noch auf Safari gehen und Afrikas wilde Tiere beobachten, oder ein paar Strandtage anhängen auf der Insel Sansibar.

Eckdaten

Das Kilimandscharo-Massiv liegt in Tansania und ist die höchste Erhebung Afrikas. Damit gehört der Berg zu den «Seven Summits», also den jeweils höchsten Bergen pro Kontinent. Der höchste Punkt des Kilis wiederum ist der Uhuru Peak mit 5’895 m. Jedes Jahr versuchen sich ca. 50’000 Trekker am Berg und die Gipfelerfolgsquote beträgt ca. 70%.

Vorbereitung

Wie bereitet man sich am besten auf eine solch lange, mehrtägige Wanderung vor? Natürlich am besten mit vielen strengen Wanderungen in den Bergen und mit möglichst vielen Höhenmetern. Treppen steigen, Joggen, Schwimmen und Pilates helfen ebenfalls.

Ich vertrete die These, dass man den «Wettkampf» (in diesem Fall die Kili-Besteigung) mehr geniessen kann, wenn man gut vorbereitet ist. Das Training darf also ruhig härter sein als der eigentliche Wettkampf und es kann nicht schaden, wenn man in der Vorbereitung ein paarmal ans Limit geht oder sogar darüber hinaus.

Auf was man sich allerdings nicht oder nur schlecht vorbereiten kann, ist die Höhe. Da reagiert auch jede Person völlig unterschiedlich darauf. Bei mir machten sich erste Anzeichen zur Höhenkrankheit ab ca. 4’500 m bemerkbar, dazu aber später mehr.

Ebenfalls sollte man sich die Frage stellen, ob man das Ganze als Privattour oder in einer grösseren Gruppe machen will. Wir – mein Kollege Roman und ich – haben uns für eine Privattour entschieden, da wir so unser eigenes Tempo gehen konnten und uns nicht an andere Leute anpassen mussten. Dies wäre in einer grösseren Gruppe mit mehreren Guides sicherlich auch möglich gewesen, jedoch gingen wir lieber auf Nummer Sicher und entschieden uns für maximale Flexibilität und Freiraum.

Marangu Route

Viele Wege führen nicht nur nach Rom, sondern auch auf den Kilimandscharo. Es gibt insgesamt acht Routen, die zum Gipfel führen. Wir haben uns für die Marangu-Route entschieden, weil dies die einzige Route war, wo man unterwegs in Hütten übernachten konnte, auf allen anderen Routen übernachtet man in Zelten. Die Marangu Route kann man theoretisch in fünf Tagen bewältigen, wir haben uns aber für die 6-Tage-Variante entschieden, um noch einen zusätzlichen Akklimatisationstag zu haben.

Man startet unten beim Marangu-Gate auf 1’880 Metern. Die erste Nacht verbringt man in den Mandara Hütten auf 2’720 Metern. Dann schläft man zwei weitere Nächte in den Horombo Hütten auf 3’720 Metern, bevor man schliesslich noch eine kurze Nacht in der Kibo Hütte verbringt, welche auf 4’720 Metern liegt. Von dort startet man dann um Mitternacht den Gipfelsturm und erreicht im Idealfall bei Sonnenaufgang den Uhuru Peak, also den höchsten Punkt Afrikas auf 5’895 Metern.

Warum startet man mitten in der Nacht? Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist es toll bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu stehen. Dazu ist der Weg in der Nacht gefroren und nicht so rutschig wie am Tag. Und zu guter Letzt hat man in der Regel am gleichen Tag noch einen langen Abstieg vor sich, daher lohnt es sich so früh wie möglich aufzubrechen.

So, nun aber genug gelabert und starten wir endlich mit dem eigentlichen Reisebericht.

Ankunft in Tansania (07 Sep 2016)

Nach einem langen Flug wurden mein Kumpel Roman und ich am Kilimanjaro International Airport von einem Vertreter unserer Agentur (Base Camp Tanzania) abgeholt. Rund zwei Stunden später erreichten wir das Hotel. Dort wurden wir kurz darauf von unserem Guide – Emmanuel – begrüsst. Er war der Haupt Guide für die kommenden Tage und er gab uns einige Informationen und inspizierte unsere Ausrüstung. Er schien zufrieden und hatte keinerlei Einwände.

«Am wichtigsten ist es, dass ihr immer genug warm habt, denn auf dem Berg kann es sehr kalt werden, vor allem in der Gipfelnacht», erklärte er uns.

Wir wollten noch wissen, wie denn die Gipfelerfolgsquote von ihm und seinen Kunden aussah. «100% natürlich!», sagte er lachend, «Ihr müsst den Gipfel unbedingt erreichen, sonst habe ich keine 100% mehr.»

Dann verabschiedete er sich wieder und sagte, dass er uns morgen früh mit dem Rest der Crew abholen kommt.

100%, na dann konnte ja nichts mehr schief gehen.

Den Rest des Tages verbrachten wir im Hotel und bereiteten uns mental auf die kommenden Tage vor.

Endlich geht es los (08 Sep 2016 – Marangu Gate bis Mandara Hütten)

Pünktlich nach dem Frühstück holte uns Emmanuel wie versprochen mit dem Rest des Teams per Minibus ab. Das Team bestand aus mehreren Leuten. Da wären neben Emmanuel noch David, der Hilfsguide, ein Koch, sowie mehrere Träger. Wir waren ja nur zwei Leute, hatten aber eine regelrechte Entourage. Man muss sich bewusst sein, dass sämtliches Essen und Trinken hoch und wieder runtergetragen werden muss. Innerhalb des Nationalparks gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten und Abfälle müssen natürlich vorzu eingesammelt und mitgebracht werden.  Die Träger waren also nicht nur für unser Gepäck zuständig, sondern auch für Küchenutensilien, Fressalien und Wasser.

Wir fuhren 2-3 Stunden auf mehr oder weniger guten Strassen und es war etwa Mittagszeit, als wir beim Marangu Gate und somit beim Kilimandscharo Nationalpark eintrafen. Das Marangu Gate liegt auf etwas über 1’800 Metern über Meer und bildete den Startpunkt unseres Trekkings.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein richtig gutes Gefühl und war mental und körperlich voll auf der Höhe. Die Grundlage für eine erfolgreiche Besteigung war gegeben, nun galt es Schritt für Schritt dem Ziel näher zu kommen. Mir war auch bewusst, dass man eine erfolgreiche Besteigung nicht erzwingen konnte. Entweder es klappte oder es klappte nicht. Am besten geht man mit einer gewissen Lockerheit an die Sache ran und geniesst jede Minute dieser Tour, unabhängig vom Ausgang. Für den Fall dass es nicht reicht, sollte man trotzdem mit Stolz auf das Erreichte und die vielen tollen Erlebnisse zurückblicken dürfen.

Das Marangu Gate. Der Startpunkt unseres Trekkings.

Gemächlich steigend wanderten wir etwa 4 Stunden die ersten 900 Höhenmeter hinauf. Die Vegetation änderte sich übrigens jeden Tag, was eine Kilimandscharo Besteigung landschaftlich sehr reizvoll macht. An diesem ersten Tag wanderten wir durch einen üppigen Regenwald.

Erste Schritte

Dann war die erste Etappe auch bereits geschafft und wir erreichten die Mandara Hütten auf 2’720 Metern. Meine Wenigkeit steht rechts mit Hut.

Nachdem wir uns in unserer 2-Bett-Hütte etwas ausruhen konnten gab es schon bald Abendessen. Womit auch bereits der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um dem Koch ein dickes Kompliment zu machen. Das Essen war jeden Tag sehr vielfältig und es schmeckte auch meistens vorzüglich. Vor Reisebeginn hatte ich einige Bedenken, da mein Magen zuweilen ein richtiges Mimöschen sein kann. Diese Sorgen stellten sich jedoch als völlig unbegründet heraus. Das Essen war immer frisch und ich hatte während der gesamten Reise nie irgendwelche Schwierigkeiten.

Zum Frühstück gab es meist Toast mit Butter und Konfitüre, Haferschleim, sowie Tee, Kaffee und Orangensaft. Besonders scharf war ich nicht auf den Haferschleim, jedoch nährte er ungemein und man war dann für die nächsten paar Stunden so richtig satt.

Nach dem Frühstück wurde uns jeweils eine Lunchbox gegeben. Jeden Tag waren ähnliche Sachen darin enthalten wie Brot, Käse, Eier, Bananen aber auch Kekse und Schokolade. Dazu konnten wir jeden Morgen noch unsere Wasserflasche mit heissem Wasser oder Tee abfüllen.

Für genügend Proviant war auf jeden Fall gesorgt und wir hatten kulinarisch absolut nichts zu beklagen.

Zurück zur Mandara Hütte: Nach dem Abendessen ging es früh ins Bett. Geschlafen habe ich dann aber nicht so gut und es quälten mich Alpträume. Ob die Geister des Berges etwas gegen eine erfolgreiche Besteigung von mir hatten?

The road goes ever on and on…(09 Sep 2016 – Mandara Hütten bis Horombo Hütten)

Trotz nicht optimaler Nacht fühlte ich mich einigermaßen gut ausgeruht und bereit für einen harten Tag. Es stand eine lange Wanderung bevor mit erneut 1‘000 Höhenmetern, jedoch einer deutlich längeren Distanz als gestern. Die gesamte Wanderzeit belief sich schlussendlich auf etwas über 6 Stunden.

Nach dem Frühstück marschierten wir los und schon bald ließen wir die Waldlandschaft hinter uns und kamen in das sogenannte Moorland, auch Graslandschaft genannt. Bald hatte man eine tolle Weitsicht über das ganze Land und in der Ferne, weit oben, konnte man zum ersten Mal den Uhuru Peak sehen.

Auf staubigem Weg ging es langsam aber stetig nach oben. Wir schlugen bewusst ein gemächliches Tempo an, da es in den paar wenigen Tagen eigentlich viel zu viele Höhenmeter auf einmal waren. Ich bin kein Experte, aber viel mehr als 500 Höhenmeter pro Tag sollte man eigentlich nicht machen habe ich irgendwo gelesen. Der Grund dafür ist, dass sich der Körper erst an die neuen Höhen gewöhnen muss. Und wenn man zu schnell zu hoch aufsteigt, kann man körperliche Probleme bekommen, meist in der Form der Höhenkrankheit. Dies ist auch ein Grund, weshalb die Gipfelerfolgsquote nicht bei 100% liegt, sondern immer wieder mal ein Wanderer an diesem Berg scheitert.

Seis drum, solch negative Gedanken haben hier nichts verloren und ganz nach dem Motto «Good Vibes Only», steigen wir unbeeindruckt weiter hoch und hoch.

Irgendwann am Nachmittag erreichten wir schließlich die Horombo-Hütten. Unser Camp für die nächsten beiden Nächte, denn Morgen gibt es zwar nicht direkt einen Ruhetag, aber einen Akklimatisationstag, wo wir unseren Körpern die Chance geben, sich an diese ungewohnten Höhen anzupassen.

Ein Geierrabe geniesst die Aussicht
In der Ferne mit Schnee bedeckt ist unser Ziel zu sehen, der Uhuru Peak
Soweit so gut. Wir sind bei den Horombo Hütten angekommen.

Der Akklimatisationstag (10 Sep 2016 – Horombo Hütten bis Zebra Felsen)

Heute gingen wir es etwas ruhiger an. Faulenzen war jedoch nicht angesagt. Der Plan war, gemächlich auf über 4’000 Meter zu wandern und zwar zum «Zebra-Felsen». Dazu gingen wir noch zu einem super Aussichtspunkt, von wo wir den Kili in seiner vollen Pracht bestaunen konnten und aus der Ferne auch schon mal unsere Aufstiegsroute für morgen Nacht sahen. Als ich den steilen Aufstieg bestaunte wurde mir etwas mulmig zumute, immerhin war unsere Aufstiegsroute aus der Ferne betrachtet etwas weniger steil als diejenige, einer anderen Route. Im Nachhinein kann ich sagen, dass das ganze aus der Distanz etwas täuschte, zumindest unser Aufstieg war dann doch nicht so steil wie ich zuerst befürchtete.

Heute fühlte ich mich übrigens in absoluter Topverfassung. Am liebsten wäre ich sofort weiter und Richtung Gipfel marschiert. Allerdings wurde daraus nichts, da wir ja wieder zurück zur Horombo Hütte mussten um dort eine weitere Nacht zu verbringen. Ich dachte damals, wenn es mir heute schon so gut geht, wird es mir morgen bestimmt noch viel besser gehen. Leider stellte sich dies als Irrtum heraus…

Nachdem wir viele Fotos gemacht haben, kehrten wir um und liefen wieder zu den Horombo Hütten zurück. Den Rest des Tages hatten wir dann «frei» und so verbrachten wir die meiste Zeit in der grossen Aufenthaltshütte, tranken Tee und lasen. Ab und zu kamen wir auch mit Leuten aus anderen Gruppen ins Gespräch, es war eine richtige Multi-Kulti-Gesellschaft, die sich auf diesem Berg vorfand mit Nationalitäten sämtlicher Kontinente.

Da es sehr früh dunkel wurde und uns die Höhe sowie das lange Wandern langsam zusetzte, gingen wir früh ins Bett, etwa um 20.00 Uhr. Schlechte Träume hatte ich übrigens keine mehr seit der ersten Nacht, was ich als gutes Omen betrachtete.

Mitten in der Nacht musste ich mal Wasser lassen. Was für ein Erlebnis. Die Sterne und der Mond glühten regelrecht und ansonsten herrschte absolute Dunkelheit und Stille.

Die Horombo Hütten von oben
Beim Zebra-Felsen
Der Aussichtspunkt mit dem grandiosen Panorama in einer regelrechten Mondlandschaft

Der Ernst des Lebens beginnt (11 Sep 2016 – Horombo Hütten bis Kibo Hütte)

Weiter geht’s! Heute (bzw. Morgen) schlug die Stunde der Wahrheit, denn wir mussten zuerst erneut 1’000 Höhenmeter hinauf zur Kibo Hütte und nach einer sehr kurzen Nacht werden wir unmittelbar nach Mitternacht aufbrechen zum Gipfelsturm. Bis es soweit ist, steht aber nochmals eine harte und lange Wanderung bevor.

Nach dem Start fühlte ich mich noch einigermassen gut, wenn auch nicht mehr ganz so gut wie gestern. Irgendwie war ich etwas schlapp und einfach nicht vollständig bei 100%. Ich hoffte, dies war nur eine Phase und je länger wir wanderten, je besser würde ich mich wieder fühlen.

Das Gelände war nun Hochalpin, eine regelrechte Mondlandschaft und ausser ein paar Steinen war da nicht mehr viel zu sehen. Es war absolut faszinierend wie der Kili und andere Gipfel in die Höhe schossen.

Nach 2-3 Stunden waren wir etwa in der Hälfte und assen zu Mittag. Wir waren bereits auf ca. 4’200 Metern und irgendwie war bei mir nun der Wurm drin, es wollte einfach nicht mehr so richtig. Habe ich zu wenig getrunken? Ich trank so viel Tee und Wasser wie möglich und dann ging es auch schon bald weiter.

Viel schlechter wurde mein Zustand im Verlauf der nächster Stunden zwar nicht, er verbesserte sich aber auch nicht. Wie lange kann es denn noch dauern, bis wir zur Kibo Hütte kommen? Jeder Schritt und jeder Höhenmeter wurde nun anstrengender. Irgendwann am Nachmittag kamen wir endlich an. Ich hatte nun bereits leichte Kopfschmerzen und hoffte inständig, dass diese nicht schlimmer wurden.

Die Kibo Hütte auf 4’720 Metern über Meer ist eine grosse Steinhütte mit Massenschlägen. Im Gegensatz zu den Hütten tiefer unten, mussten wir also ein grosses Zimmer mit mehreren Leuten teilen.

Abendessen gabs bereits zwischen 16:00 und 17:00 Uhr. Es wurden Spaghetti aufgetischt und obwohl ich keinen Appetit hatte, ass dennoch so viel ich konnte (viel war’s nicht), denn ich wusste, dass jeder Bissen zählte.

Danach hiess es Zapfenstreich und ab ins Bett. Wie gesagt waren in dem Zimmer mehrere Leute untergebracht und die Stimmung war entsprechend schnarchend und muffig. Normalerweise hätte mich dies extrem gestört, ich war jedoch ziemlich kaputt und döste immer wieder vor mich hin, ein richtig erholsamer Schlaf war es jedoch nicht.

Somit wären wir wieder bei der Einleitung und den ersten paar Sätzen dieses Berichts angekommen und die Frage bleibt die gleiche: Werde ich es schaffen?

Plötzlich klingelte ein Wecker, ich war tatsächlich nochmals eingeschlafen und war extrem froh darüber. Jedes Quäntchen Energie konnte in den nächsten Stunden über Erfolg oder Scheitern entscheiden.

Es war 23:30 Uhr…ich hatte Kopfschmerzen…es war eiskalt….und dennoch konnte ich es kaum erwarten endlich loszulaufen!

Mondlandschaft auf dem Weg zur Kibohütte
Unendliche Weiten
Wir sind bei der Kibohütte angekommen. Ich wie immer rechts.

Auf geht’s zum Uhuru Peak (12 Sep 2016 – Kibo Hütte bis Uhuru Peak)

00:30 Uhr. Endlich geht’s los. Nachdem wir vor einer Stunde geweckt wurden, assen wir ein leichtes Frühstück und machten uns für den Abmarsch bereit. Ich brachte fast nichts runter und musste mich regelrecht dazu zwingen, an ein paar Keksen zu knabbern. Den Tee konnte ich mittlerweile auch nicht mehr riechen. Gut eingepackt und mit Stirnlampe montiert machten wir uns auf den Weg in die Dunkelheit. Einige Gruppen waren schon vor uns aufgebrochen und wir sahen deren Lichter in der Ferne. Emmanuel schlägt jedoch ein forsches Tempo an und wir überholen eine Gruppe nach der anderen und schon bald waren wir weit vor allen anderen.

Nach 1-2 Stunden Aufstieg ging es mir immer schlechter. Ich hatte schon seit einiger Zeit Kopfschmerzen, Übelkeit und dann kamen auch noch Gliederschmerzen dazu. Vor allem mein Rücken fühlte sich wirklich schlimm an und mein kleiner Rucksack wurde zur unerträglichen Last. Die Höhenkrankheit hatte mich also eingeholt. Ehrlich gesagt fühlte ich mich in dieser Nacht hundselend und wollte hundertmal aufgeben. Wir waren nun auf irgendwo über 5’000 Metern, die Luft war sehr dünn und ich musste mich alle 5 Minuten auf meinen Stöcken abstützen, um zu Atem zu kommen. Ich hatte das Gefühl nur noch sehr langsam vorwärts zu kommen, allerdings waren alle anderen wohl noch langsamer, denn niemand holte uns wieder ein. Vielleicht war ich auch gar nicht so langsam und meine Einbildung spielte mir einen Streich.

Meine Freunde, was litt ich in jener Nacht Höllenqualen. Ich habe ja Anfangs geschrieben, dass die Vorbereitung härter sein soll als der Wettkampf. In dieser Formel war jedoch ein wesentlicher Faktor nicht eingerechnet; die Höhe. Man kann noch so fit sein, wenn man die Höhe nicht erträgt, kann der Traum ganz schnell platzen.  Irgendwie schaffte ich es aber Schritt für Schritt weiter, auch dank der Hilfe der beiden Guides, die meinen Rucksack für mich trugen. Zu guter Letzt trug mich auch mein Stolz vorwärts und so kurz vor dem Ziel aufzugeben war einfach keine Option.

Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir ein Plateau, den sogenannten Gilman’s Point auf 5’681 Metern Höhe und hier wusste ich, jetzt habe ich es geschafft, jetzt schaffe ich auch noch den Rest, jetzt schaffe ich auch noch den Gipfel!

Bevor wir den letzten Abschnitt in Angriff nahmen ruhten wir uns auf dem Gilman’s Point noch ein wenig aus. Da es mir immer noch gar nicht gut ging – zu vergleichen mit einem üblen Kater nach einer durchzechten Nacht – riet mir Emmanuel, das ganze einfach rauszulassen, in Form einer oralen Magenentleerung. Danach würde ich mich besser fühlen. Ich führte den Vorgang wie vorgeschlagen hinter einem Felsen aus. Und siehe da – analog zum gleichen Vorgang am Morgen nach einer durchzechten Nacht – ging es mir umgehend besser. Emmanuel mein Lieber, du bist wirklich Gold wert und ich werde dir auf ewig dankbar sein für diese glorreiche Idee. Nun konnte nichts mehr schief gehen und es sollte nur noch eine Stunde dauern, bis wir ganz oben waren.

Auf dem Weg nach oben passierten wir einen weiteren wichtigen Punkt, den Stella Point auf 5’756 Metern über Meer. Dort hatte es bereits ziemlich viele Leute, denn dies war ein Verzweigungspunkt von einer anderen Route.

So, nun aber waren wir so richtig im Schuss und hatten nochmals einen letzten Energieanfall. Ich sah bereits das Gipfelschild wenige Hundert Meter vor mir. Dazu gab es auf den Seiten grosse Gletscher und Eisfelder zu bestaunen.

Ein Traum wird wahr

Es war 06:00 Uhr und wir haben es tatsächlich geschafft. Nach 5 Stunden und 30 Minuten Aufstieg waren wir ganz oben, auf dem Uhuru Peak auf 5’895 Metern über Meer. Es war natürlich ein grossartiges Gefühl, dort oben zu stehen. Die grössten Emotionen kamen bei mir jedoch nicht auf dem Gipfel sondern bereits in der Stunde vorher. Und zwar als ich wusste, dass ich es schaffen werde.

Das ganze Training hat sich ausgezahlt und sämtliche Hoffnungen wurden erfüllt. Ich stehe pünktlich zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Kilimandscharo. Die Kamera hat den Geist aufgegeben aber das ist ok, denn das Handy funktioniert noch und so wird dieser tolle Augenblick für die Ewigkeit festgehalten.

Es ist vollbracht. Das Gipfelbild für die Ewigkeit.
Sonnenaufgang auf dem Kili mit dem Nebelmeer
Natürlich hat es auch Roman geschafft. Hier bin ich zur Abwechslung mal links.

Viel Zeit für Gedanken auf dem langen Abstieg (12/13 Sep 2016 – Zurück zum Marangu Gate)

Was hochgeht muss auch wieder runter. Nach 5 Stunden 30 Minuten Aufstieg war der Höhepunkt zwar erreicht, der Tag jedoch noch lange nicht vorbei. Wir hatten einen langen Abstieg vor uns, der uns bis zum Nachmittag wieder bis zu den Horombo Hütten bringen sollte. Und am folgenden Tag würde sich der Kreis schliessen mit einem finalen Abstieg bis zum Marangu Gate.

Gehen wir aber zuerst nochmals auf den Gipfelmoment zurück. Ganz oben blieben wir nur 10-20 Minuten. Aufgrund der Kälte und der Höhe machten wir uns schnell wieder an den Abstieg. Die vorhin mühsam erklommenen Höhenmeter wurden nun spielend leicht heruntergerutscht. Ganz recht, gerutscht! Denn nach dem Gilman’s Point konnten wir die Geröllhalde regelrecht rennend herunterrutschen.

Ich habe die Zeit nicht mehr genau im Kopf aber ich glaube vom Gipfel zurück zur Kibo Hütte hatten wir keine zwei Stunden. Bei der Hütte warteten ein paar Mitglieder unserer Crew um uns zu gratulieren. Dazu hatten sie ein Glas mit kühlem Orangensaft für uns bereit, welches ich sofort hinunterstürzte. Meine Kehle war völlig trocken, denn während dem Abstieg hatte ich in der letzten Stunde nichts mehr zu trinken.

Ansonsten fühlte ich mich aber bereits wieder hervorragend. Die ganze Anspannung fiel ab und meine Schmerzen vom Aufstieg waren weg. Ich kam zum Schluss, dass diese Schmerzen zu einem grossen Teil mental verursacht waren, vielleicht sogar Phantom Schmerzen, was für einen Wissenschaftler durchaus eine reizvolle Studie gewesen wäre.

Wir waren mit Abstand die ersten zurück in der Kibo Hütte und konnten uns im Zimmer ausruhen, bevor wir uns auf den weiteren Abstieg zur Horombo Hütte machten.

Im Zimmer der Kibo Hütte gab es dann noch eine etwas negative Überraschung. Eine Frau aus einer anderen Gruppe war dort. Sie musste kurz nach dem Start in der Nacht wieder umkehren, da ihr schwarz vor Augen wurde. Sie war natürlich total niedergeschlagen, weil sie ihr grosses Ziel verpasst hat. Ich habe ihr gesagt, dass es kein Weltuntergang sei und sie es in der Zukunft wieder probieren könne. In solch einem Moment waren solche Worte aber natürlich alles andere als tröstlich. Wie dem auch sei, die Gesundheit geht vor und etwas erzwingen sollte man auf knapp 6’000 Metern definitiv nicht.

Zurück bei den Horombo Hütten gab es noch ein Foto mit der ganzen Mannschaft
Unsere beiden Guides Emmanuel und David

Der weitere Abstieg geschah dann wie in Trance. Regelrecht beflügelt vom Gipfelerfolg liefen wir so schnell wie wir konnten runter.

Wieder bei den Horombo Hütten gab es dann noch eine kleine Zeremonie und unser Team führte einen Tanz auf, dazu übergaben wir ein grosszügiges Trinkgeld.

In dieser Nacht schliefen wir noch einmal in den Horombo Hütten und da nun die ganze Anspannung weg war, konnten wir entsprechend gut und erholsam schlafen.

Am letzten Tag folgte dann nochmals ein langer Abstieg von den Horombo Hütten via Mandara Hütten bis ganz nach unten zum Marangu Gate.

Irgendwann fing ich an die Schritte zu zählen und war so richtig froh, als wir endlich wieder unten waren.

Beim Gate kaufte ich mir als Erstes ein kühle, überteuerte Cola am Kiosk. Mann war das gut! Niemals hat mir eine Cola besser geschmeckt als in diesem Moment. Nach so vielen Tagen mit Wasser und Tee hatte ich ein richtig starkes Verlangen darauf.

Danach hiess es Lebewohl sagen zu unseren Guides und Trägern. Wir wurden zurück ins Hotel gebracht und hatten dort noch Besuch von Achmed, dem Chef der Agentur bei der wir die Reise gebucht haben. Aus England stammend kam er vor Jahren nach Tansania um diese Agentur zu eröffnen. Wir tranken ein paar Biere mit ihm und erzählten nochmals die Höhepunkte der letzten Tage. Achmed wiederum konnte viele interessante Dinge über Tansania und sein Leben hier berichten.

Danach war Nachtruhe angesagt. Bereits morgen geht das Abenteuer weiter, denn wir haben noch eine Safari gebucht und werden viele wilde Tiere sehen, sowohl beim Ngorongoro Krater als auch im Tarangire National Park.

Fazit

Mein Fazit dieser Reise: Es war natürlich ein voller Erfolg und sämtliche Erwartungen wurden erfüllt.

Ich kann diesen Trip wirklich jedem empfehlen, der sich dafür interessiert. Eine Garantie auf einen Gipfelerfolg gibt es nicht. Wenn man sich jedoch einigermassen gut vorbereitet sind die Chancen sehr hoch, dass man es packt. Und auch wenn es nicht bis ganz nach oben reichen sollte, so sind all die Eindrücke, Landschaften, Menschen und Tiere, die man unterwegs antrifft, die Reise dennoch absolut wert.

Zusammenfassend und als Schlusswort: Man kann immer noch einen Schritt weitergehen als man meint!

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